Heute habe ich, wie angekündigt, eine türkische Zypriotin und ihren Freund getroffen, weil ich mir auch einmal die andere Seite anhören wollte. Wenn man hier im südlichen Teil Zyperns beherbergt ist, hört man natürlich auch nur die griechisch-zypriotische Meinung über das Zypern-Problem - mal mehr neutral, mal mehr einseitig.
Deniz ist 23 Jahre alt, hat also weder die Unruhen 1963, noch die Invasion der Türken 1974 miterlebt. Trotzdem kann sie die ganze Geschichte Zyperns relativ neutral erzählen, ohne die eine oder die andere Seite zu verharmlosen; sie habe viele Gespräche darüber geführt und auch sehr viel mit ihren Eltern darüber gesprochen. Sie stellt sich weder auf die eine, noch auf die andere Seite - arbeitet aber auf der einen und wohnt auf der anderen. Wenn es allen Beteiligten wirklich ernst wäre, das Problem zu lösen - ohne die Arroganz, die sie an beiden Seiten so stört - würde sich das Problem in einer Nacht in Luft auflösen. Vor allem aber die Propaganda - der "Brainwash", der auch vor allem in der Schule stattfindet - ist das hauptsächliche Problem.
Sie erzählt auch von vielen sehr absurden Dingen - beispielsweise hat sie auf der griechischen Seite der Green Line eine verletzte Katze gefunden, die sie nach Hause nehmen wollte um sie dort zu versorgen - das wurde ihr verwehrt, warum weiß sie nicht genau. "Katzen springen tagtäglich von einer Seite auf die andere - wenn sie aber von einer Menschenhand getragen werden, ist es verboten." Sie hat auch zwei Handys, weil das griechische auf der türkischen Seite nicht funktioniert und sie außerdem Roaming mit dem türkischen auf der griechischen Seite zahlen müsste. Oder dass ihr Freund mit seinem griechisch-zypriotischen Firmenauto nicht auf die türkische Seite fahren darf, weil die Türken glauben würden, er habe das Auto im Süden gekauft, was nicht erlaubt ist. Oder oder oder - sie hat so viele absurde Beispiele genannt, dass es wie eine Satire klingt.
Im Grunde versteht sie aber auch die griechisch Zyprioten und kann nachvollziehen, warum viele nicht die türkische Seite besuchen möchten. Sie hat auch viele griechisch-zypriotische Freunde, mit denen sie oft über diese Dinge diskutiert. Viel kommt freilich nicht dabei heraus - Stichwort Brainwash. In einem sind sie sich aber einig: Die türkischen Soldaten sollen aus dem Norden abziehen; auch die türkischen Zyprioten empfinden sie als Invasion. Sie sind nämlich damit schon wieder in der Minderheit wie auch vor der Teilung Zyperns. Mittlerweile, sagt sie (verlässliche Zahlen gibt es zwar nicht, dafür aber viel Research-Arbeit zu diesem Thema), gibt es etwa 500.000 Menschen, die im Norden wohnen - 1974, bei der Teilung Zyperns, waren es um die 100.000 bis 120.000.
Wirklich Hoffnung hat sie aber auch nicht, auch das ist eine Gemeinsamkeit der beiden zypriotischen Gemeinden. Falls sich wirklich keine Lösung findet, wird irgendwann die türkische Wirtschaft, sofern man überhaupt davon sprechen kann, zusammenbrechen. Denn Ressourcen
gibt es jetzt schon keine - alles, was möglich war, wurde in die Türkei exportiert. Falls das geschieht, meinte sie, wird sie vielleicht auswandern. Vielleicht wohnt sie dann aber auch schon im Süden - Diskriminierung hin oder her.
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