Montag, 19. März 2012

... Books. Diesmal: John Niven: Gott bewahre


»Die Welt ist doch krank in der Birne.«

Wer hat sich das nicht schon mal gedacht? Dass dieses Zitat aber von Gott stammen soll, ist weniger nachvollziehbar. Hat er uns und die Welt doch angeblich erschaffen. Doch Gott ist nicht das, was die Kirche uns erzählt, es gibt viel zu viele Geschichten über Gott, die versuchen, Menschen Regeln aufzuerlegen. »Gott Bewahre« von John Niven ist ein erfrischender Roman für solche, die nicht an Gott glauben, dies aber doch gern tun würden. Denn Gott ist in »Gott Bewahre« ein cooler Typ mit einem kiffenden Sohn und sympathischen Ansichten und Hobbys.

Die Selbstzerstörung der Menschheit greift schnell um sich – vor allem ist das im Himmel so zu sehen, denn ein Tag im Himmel entspricht etwa 57 Erdenjahren. Gott war nur eine Woche Angeln, und schon steht alles Kopf. Seit der Renaissance hat Gott nicht mehr auf die Erde geschaut und ist umso schockierter, als er die Ereignisse auf der Erde Revue passieren lässt. Rassismus, Umweltzerstörung, Kommerz und die Christen, die in seinem Namen Schwachsinn verbreiten. Gott bleibt nichts anderes übrig, als seinen Sohn Jesus – passionierter Rock’n'Roller und beherzter Kiffer – zum zweiten Mal auf die Erde zu schicken, um Gottes einziges Gebot zu verbreiten: Seid lieb!

Das Buch ist lustig und überzeugt durch böse, aber sehr witzige Ideen, ist blasphemisch und entlarvt sehr schön die gängige Doppelmoral. Alle Dinge, die offenbar aus dem Gleichgewicht geraten sind – wie billiger Kommerz und scheinheiliger Kapitalismus – werden mit einer großen Portion schwarzem Humor und ohne Blatt vor dem Mund behandelt und durch den Kakao gezogen.

Die Geschichte liest sich dadurch nicht unbedingt wie eine Gesellschaftskritik, trotzdem muss man ob der Dummheit der Menschheit – bei der man sich selbst ja nicht ausschließen kann – oft den Kopf schütteln. Dies ist aber eine von Nivens Lieblingsbeschäftigungen: versteckte Kritik an der Gesellschaft und ihren Hobbys mit vielen Schimpfwörtern. Doch nie hat Niven den Nagel so auf den Kopf getroffen wie in »Gott Bewahre«.

Als linker Leser reibt man sich fast die Hände ob der kreativen, aber sehr bösen Ideen Nivens: Beispielsweise werden rassistische, rechte Prediger in der Hölle den ganzen Tag von mächtigen »Schwarzen« vergewaltigt; auch Abtreibungsgegner kommen dorthin oder Christen, die verkrampft und ohne andere Meinungen zu akzeptieren, die von Moses erfundenen zehn Gebote verbreiten und anderen aufzudrängen versuchen.

Letztendlich fügt sich Jesus dem Befehl seines Vaters und landet gemeinsam mit einer Gruppe aus dem sozialen Netz gefallener Menschen (wie einer ehemaligen Prostituierten mit zwei Kindern) bei einer Casting-Show, wo er behauptet, Jesus zu sein, und obendrein unverschämt gut singt. »Die Neuzugänge sind gestiegen«, wird daraufhin im Himmel festgestellt.

Jesus hat die Erde gerockt.

Donnerstag, 1. März 2012

... Books. Diesmal: Rajaa Alsanea, Die Girls von Riad


Ich halte das, was ich tue, nicht für das einzig Richtige, ich halte es aber auch nicht für verwerflich. Und ich erhebe keineswegs den Anspruch, vollkommen zu sein.

Mit 18 einen Roman zu schreiben, der offen und ehrlich über Liebe und Sex berichtet, ist in der westlichen Welt keine große Herausforderung. Thematisiert er aber diese Themen im Zusammenhang mit der saudischen Welt, kennt der Aufruhr keine Grenzen mehr.

Rajaa Alsanea erzählt in »Die Girls von Riad« Geschichten über vier saudische Freundinnen – Kamra, Lamis, Michelle und Sadim, die überall spielen könnten. Sie tun alles, was westliche junge Frauen auch tun – sie chatten, schreiben SMS, telefonieren stundenlang, verlieben sich und hoffen auf das große Glück. Doch letztendlich scheitern sie an konservativen Wertvorstellungen der gesamten Gesellschaft. Hier prallen veraltete Rollenbilder und modernes Großstadtleben aufeinander – und die vier Freundinnen agieren als Pufferzone.

Das Buch ziert einen rosa Einband, es wirkt wie ein Liebesroman für Mädchen. Der Einstieg in die Geschichten ist anfangs eher schwierig, da sie aus mehreren Komponenten bestehen und man den Rhythmus erst erspüren muss. Doch sobald das gelungen ist, liest sich der Roman wie eine kriminalistische Liebesgeschichte; nicht nur einmal musste ich bei der Lektüre den Kopf schütteln ob der Ungerechtigkeiten, die den Mädchen widerfahren – nur weil sie in einem Land leben, das Sex vor der Ehe (sogar zwischen »standesamtlicher« und »offizieller« Trauung) verbietet.

Die vielen Rollenbilder – vor allem jene der Männer – werden lediglich durch die Erzählung der Geschichten scharf kritisiert. Gleichzeitig bemüht sich Rajaa Alsanea, die Hintergründe zu erklären, damit keine weiteren einseitigen Rollenbilder aufblitzen. Denn das Unglück der Mädchen entsteht erst durch Männer und ihr Verhalten Frauen gegenüber, doch stets wird dies Verhalten mit der Geschichte und Kultur des Landes erklärt – nicht gerechtfertigt.

Ich wollte mir niemals anmaßen, über das Ungleichgewicht von Respekt zwischen Mann und Frau und die daraus resultierende Stellung der Frau in der Gesellschaft zu sprechen, da ich keinen Einblick in die Gefühlswelt der Frauen hatte. Durch das Buch gewinnt man einen tollen Einblick in eine nach Außen hin anscheinend vollkommen andere Welt Saudi-Arabiens und einen noch besseren Einblick in die Lebenswelt der Akteure, und man liest Gefühle, die man sich so nicht erwartete hätte.

Veröffentlicht auf dem . Boylevard.

... Books. Diesmal: Philip Roth, der menschliche Makel


Die Berührung durch uns Menschen hinterlässt einen Makel, ein Zeichen, einen Abdruck. Unreinheit, Grausamkeit, Missbrauch, Irrtum, Ausscheidung, Samen – der Makel ist untrennbar mit dem Dasein verbunden.

Das Buch »Der menschliche Makel« behandelt einige Themen – ob offensichtlich oder nur am Rande. Die augenscheinlichste Message ist allerdings die Gratwanderung zwischen allgemein gültiger menschlicher Ethik und Schicklichkeit und der persönlichen Vorstellung und Verwirklichung der eigenen Freiheit.

Der Hauptakteur Coleman Silk, ein angesehener Universitätsprofessor und – wenn man ihn persönlich kennen würde – ein bestimmt sehr beeindruckender, vielleicht etwas einschüchternder Mann, sieht sich plötzlich nach einer steilen Karriere und der vorangegangenen vollen Verweigerung der eigenen Vergangenheit mit absurden Vorwürfen konfrontiert, die nicht nur seine akademische Laufbahn gefährden, sondern auch das Leben seiner Ehefrau beenden. Allein diese Tatsache erschreckt – ein üblicher Schicksalsschlag, der nichts mit Unfall oder Mord zu tun hat, löscht ein Leben aus.

Durch diese Erlebnisse, durch unhaltbare Vorwürfe und dem Gefühl des Verlassen Werdens, stürzt Coleman Silk in einen tragischen Sog von Ereignissen, die sein Leben abseits der Universität, von der er sich abgewandt hat, prägen. Gleichzeitig holt er sich das, was sein Innerstes braucht – keine anspruchsvollen Diskussionen, keine Anerkennung von »wichtigen Menschen« – nein, er holt sich Liebe, Zuneigung, Sex und Spannung.

Dies alles vereint in einer einzigen Person, seiner Liebhaberin Faunia, die bisher nichts anderes als feste Tritte in die Magengrube von ihrem Leben persönlich erlebt hat. Durch diese zwei Schicksale – jeweils in seiner individuellen Eigenheit tragisch – machen sich die beiden Liebenden eine ganz andere Ebene zu eigen, als sie konventionelle Paare im Alltag erleben. Die Ebene der Echtheit, der Makel, der vollkommenen Losgelöstheit von Konventionen oder dem drohenden Zeigefinger der Moral.

Im Grunde kann ein solches Buch kein Happy End im hollywod’schen Sinn haben, das merkt der Leser schon nach ein paar Seiten. Immer wieder blickt man ob der simpelsten Erkenntnisse auf, wird gezwungen, die Welt aus den Augen zu sehen, die das verlangen, was man selbst haben möchte – ohne die Moralvorstellungen anderer zu befriedigen. Immer wieder schwingt Traurigkeit, Frust, Trotz und Zorn im Subtext der Zeilen und die Frage, wie man die Gratwanderung zwischen Moral und Ego am besten schafft, drängt sich mit jeder weiteren Seite mehr auf.

Die Figur Coleman Silk regt dazu an, sich seinem Leben zu stellen, seine eigenen Bedürfnisse zu erkennen und auszuleben, bevor das mühsam auf Lügen aufgebaute Leben in sich zusammenfällt wie ein von Kinderhand gebautes Kartenhaus. Denn schlussendlich bleibt nichts anderes übrig als man selbst.

Veröffentlicht auf dem Boylevard.