Mittwoch, 22. September 2010

... Cyprus. Ein Staat – zwei Teile.

Wenn man die Touristenmeile im Süden der zypriotischen Hauptstadt Nicosia, „Ledra Street“ genannt, entlanggeht, kann man nicht nur bei McDonalds essen und sich bei Starbucks einen Kaffee genehmigen; man kann auch gleich in ein anderes Land reisen.

Die Ledra Street endet abrupt an einer Mauer, die Häuser sind leer und dem Verfall preisgegeben. Ein kurzer Übergang, einige Fotos von griechisch-zypriotischen Soldaten, ein Schild, das fast schon stolz die „letzte geteilte Hauptstadt Europas“ in Englisch, Französisch und Deutsch ankündigt: So sieht es aus, wenn man die Green Line in den türkisch-zypriotischen Norden überschreiten will. Viele Touristen tun das, zeigen ihren Pass einem türkischen Zyprioten, füllen ein kleines Formular aus, erhalten ihr Visa und tuscheln dabei relativ amüsiert. Die türkisch-zypriotischen Grenzbeamten blicken krampfhaft an jedem vorbei und wirken frustriert, denn eigentlich ist heute ein türkischer Feiertag: Ramazan Bayramı, das "Fest des Fastenbrechens", und sie müssen arbeiten – wie so viele türkisch Zyprioten, die im Süden Arbeit gefunden haben.

„Drüben“ im Norden allerdings merkt man, dass ein Feiertag begangen wird: Nur die Geschäfte auf der Hauptstraße sind geöffnet, vereinzelte Kioske. Wenn man ein paar Mal von der Haupttouristen-Route abbiegt, gibt es weder Hotels noch Bankautomaten, kaum Restaurants oder Geschäfte. Alles wirkt verlassen, ein bisschen wie eine in der Sonne flimmernde Geisterstadt – geschlossene Türen und Fenster, mit Schlössern verriegelte Tore, kaputte Scheiben, eingetretene Türen, bröckelnde Fassaden. Und auf einer Seite der stetig weiterlaufende Stacheldraht mit den Sandsäcken auf der grauen Mauer.

Seit 36 Jahren ist Zypern nun geteilt, nachdem türkische Streitkräfte den Norden der Insel besetzten. Sie beriefen sich auf ihre Rolle als Garantiemacht für die Minderheit der türkischen Zyprioten, weil ein Putschversuch von Offizieren der Militärjunta in Griechenland und der Zypriotischen Nationalgarde die Angliederung Zyperns an Griechenland anstrebten. 1983 erfolgte die Proklamation der Türkischen Republik Nordzypern, die bis heute nur von der Türkei anerkannt wird. Seit 2004 ist ganz Zypern Mitglied der Europäischen Union, in der Realität ist aber faktisch nur der südliche Teil Bestandteil der EU.

Trotz der Teilung der Insel sind die türkischen Zyprioten nun aber wieder in der Minderheit. Nach 1974 wurden zahllose Festlandtürken im Norden Zyperns angesiedelt, konkrete Zahlen werden bis heute unter Verschluss gehalten. Man spricht aber von fast 779.000 Einwohnern im Süden, der Norden zählt nach Regierungsangaben fast 89.000 „legitime“ Einwohner. Insgesamt sollen im Norden aber bis zu 265.000 Menschen wohnen – also mehr Türken als türkische Zyprioten.

Die Türken werden auf Zypern – sowohl im Süden, als auch im Norden – als Invasoren gesehen. Die griechischen Zyprioten verteufeln sie, weil sie die Schuld an der Teilung ihrer Insel tragen; die türkischen Zyprioten leiden darunter, nur von der Türkei als Staat anerkannt zu werden, was dazu führt, dass ihre Wirtschaft unter dieser Last zusammenbricht – der einzige Handelspartner ist die Türkei, der die Ressourcen des Nordens der ehemaligen britischen Kronkolonie aussaugt. Einzig und allein die Erlaubnis zum Glücksspiel bringt dem zypriotischen Norden Geld ein; dies ist auch der häufigste Grund für griechische Zyprioten, in den Norden zu reisen. Der andere Grund, die Green Line vom Süden in den Norden zu übertreten ist jener, dass einige griechische Zyprioten ihre alten Dörfer und ihre zwangsenteigneten Häuser besuchen.

Viele Tränen seien schon geflossen, erzählt der 46-jährige Panos, als er den Ort, an dem er zehn Jahre seiner Kindheit verbracht hat, aufgesucht hatte. Dreimal war er nun dort, würde aber nicht mehr hinfahren. Es sei zu schmerzhaft zu sehen, dass völlig fremde türkische Zyprioten darin leben, als sei es immer schon ihr Besitz gewesen. Die Familie sei zwar freundlich und habe ihm auch Kaffee und ein Gespräch angeboten, aber trotzdem habe er Bilder von sich und seiner Familie vor Augen, wenn er einen Blick auf das Haus wirft. Kein Geld der Welt könnte dieses Haus ersetzen. Wenn sich bei den Friedensgesprächen ergebe, dass den Zwangsenteigneten eine bestimmte Abfindung zustünde, würde er das Geld nicht nehmen.

Panos‘ Kusine Liana hat als einzige ihrer Familie noch keinen Fuß in den türkisch besetzten Teil Zyperns gesetzt und wird dies auch nicht tun, solange sie ihren Pass benötigt um eine Grenze zu überqueren, die sie nicht akzeptiert. Auch würde sie nicht akzeptieren, wenn eines ihrer zwei Kinder mit einem türkischen Zyprioten oder gar einem Türken zusammen wäre. Das würde sie fast als Verrat ansehen. Viele griechischen Zyprioten denken wie Liana – auf Fremde wirkt dies stur und emotional.

Deniz, eine junge, sehr engagierte türkische Zypriotin, kennt Zypern gar nicht anders als geteilt. Sie verstehe aber nicht, wie es so weit kommen konnte und warum das Problem immer noch besteht. Zwar weiß sie, dass in beiden Teilen die Kinder eine eigene Geschichte ihrer Insel lernen und „Gehirnwäsche“ oben auf der Lehrliste steht. „Man glaubt gar nicht, wieviele Adjektive von den Lehrern benutzt werden – Worte wie böse oder gemein sind alltäglich im Zusammenhang mit ‚den anderen.‘“ Sie könne die Sturheit vieler nachvollziehen, wisse aber, dass durch Sturheit und persönliche Betroffenheit ein solches Problem nicht gelöst werden kann. Auch sie und ihre Familie habe viel mitgemacht, musste von den Süden in den Norden ziehen und empfindet die türkischen Soldaten als Belastung. „Es ist ohnehin nicht leicht, sich integrieren zu müssen im eigenen Staat, der dann plötzlich nur noch einer Seite gehört. Und dann sind da die Türken, die es irgendwie noch schwerer machen.“ Sie würde sich gerne mit dem Süden solidarisieren und sie weiß, so wie ihr geht es vielen. „Doch was können wir tun außer bikommunale Events zu machen oder zu demonstrieren? Außerdem müssen die griechischen Zyprioten auch anerkennen, dass sie gegenüber uns viele Fehler gemacht haben.“

Dieses Poster, bei dem die Waffe eines türkischen Soldaten mit einer Gitarre ausgetauscht wurde, war die Einladung für ein bikommunales Event

Wenn man die Geschichten hört, die auf persönlichen, sehr emotionalen Erfahrungen und Erlebnissen beruhen, kann man erahnen, wieso der Zypern-Konflikt im Alltag der Menschen so hartnäckig anhält. Vereinfacht gesagt: Die Zeitrechnung der griechischen Zyprioten beginnt im Jahr 1974 mit der Invasion der Türken, die den griechischen Zyprioten die Hälfte ihrer Insel weggenommen haben. Auf der anderen Seite waren die türkischen Zyprioten seit jeher in der Minderheit, hatten vor 1974 mit vielen Repressionen zu kämpfen und wurden vielfach unterdrückt, zuletzt, als Zypern den Anschluss an Griechenland provozieren wollte. Bevor allerdings Zypern überhaupt unabhängig wurde, kämpften griechische und türkische Zyprioten Seite an Seite gegen die britische Besatzung und für die Unabhängigkeit.

BEST PRACTICE AUF MIKRO-EBENE

Auch in der Gegenwart kämpfen türkische und griechische Zyprioten Seite an Seite: Als Pärchen. Auch wenn dies nicht oft vorkommt: Der türkische Zypriote Murat und die griechische Zypriotin Gina heirateten im letzten Jahr. Ihre Mission ist es, „die ethnische Feindschaft durch das Zusammenbringen von Rivalen zu brechen. Unser größter Erfolg sind wir selbst, wir haben geheiratet. Mischehen sind extrem rar auf Zypern, aber wir hoffen, dass wir bald die Norm sind.“

Nach der Öffnung der Grenzen hat Murat Gina im Süden kennen und lieben gelernt. Beide haben schnell das gemeinsame Interesse erkannt: Barrieren zu durchbrechen. Gina ist involviert in die NGO „Hands across the divide“, die erste bikommunale Initiative, Murat leitet die „New Cyprus Party“, eine kleine linksgerichtete Partei, die die Annäherung beider Seiten propagiert. Ihre Familien haben sie zuerst nichts gesagt; als aber das Geheimnis ausgesprochen war, wurden Zweifel laut. „Beide Elternpaare wollten sich nicht treffen und auch den Mensch, mit dem ihr Kind zusammen ist, nicht kennenlernen, weil es, glaube ich, leichter war, das Stereotyp zu behalten“, erklärt Gina. „Irgendwann sind wir dort angelangt, dass einfach ein Mann und eine Frau zusammen sind“, erklärt Murat erleichtert. Abseits der Eltern gab es aber auch massive Schwierigkeiten und persönliche Übergriffe. „Sind uns die Männer ausgegangen?“ hat Gina des Öfteren gehört – auch wenn das noch das harmloseste war. „Ich kannte zwei andere gemischte Beziehungen, sie sind aber unter familiärem Druck auseinandergegangen. Ich glaube aber, dass das sehr bald alltäglich wird. Als 2003 einige Checkpoints geöffnet wurden haben die griechischen Zyprioten mit dem Finger auf türkische Zyprioten gezeigt, die in Supermärkten im Süden eingekauft haben. Und auch das ist jetzt normal“, so Gina.

BEST PRACTICE AUF MAKRO-EBENE

Normal ist auch das Zusammenleben von türkischen und griechischen Zyprioten – allerdings nur in einem Dorf auf ganz Zypern. Pyla, ein kleines Dorf östlich von Larnaka, ist ein strategisch wichtiger Punkt inmitten der Pufferzone zwischen Nord und Süd. Hier leben beide Nationalitäten nebeneinander – nicht zusammen, aber als Nachbarn Seite an Seite. Als 1974 rund 200 000 Griechen ihre Heimatdörfer im Norden verlassen mussten und 45 000 Türken vom Süden in den Norden getrieben wurden, waren die rund 300 türkischstämmigen Einwohner Pylas einfach in ihrem Heimatdorf geblieben, das sie Pile nennen. Sie kommen mit den etwa tausend griechischen Dorfbewohnern aus, haben eine eigene Schule, einen eigenen Interessenvertreter in der Verwaltung und können ihre eigene Moschee besuchen. Zwei Muktars – einer verantwortlich für die griechischen, einer für die türkischen Zyprioten – werden von den Communities gewählt und kommen zusammen, wenn es Allfälliges zu klären gibt.

Ein UNO-Posten, verwaltet und bewacht derzeit von sechs slowakischen Blauhelmen, befindet sich über einem ehemaligem Café, ganz in der Nähe eines Pubs, das sich „Happy Nest Pub“ nennt und sowohl türkische als auch griechische Zyprioten als Gäste begrüßt. Auch wenn die Stimmung sehr friedlich ist und sowohl die UN-Soldaten als auch ein australischer Polizist versichern, dass es hier kaum bis gar keine Probleme mit Kriminalität gebe und sie deshalb auch unbewaffnet sind – der Chef des erwähnten Pubs beispielsweise weigert sich, aus einer Tasse zu trinken, die mit einem türkischen Emblem verziert ist, erzählt eine Kellnerin leise lächelnd. Auch wenn der Schmerz über die geteilte Insel auch nur mit kleinen Gesten omnipräsent ist: Pyla scheint das Vorzeigeprojekt Zyperns zu sein, ohne dass dies der Rest Zyperns bemerken würde.

Griechische Tavernen und Türkische Cafes reihen sich am Hauptplatz nebeneinander. Flaggen sind nirgends zu sehen; sie sind nur an religiösen Feiertagen oder an Schulen erlaubt. Überhaupt ist hier jeder darauf bedacht, dass Gleichheit herrscht: Beispielsweise sind die sechs slowakischen UN-Soldaten, die jeweils sechs Monate im Dorf stationiert sind dazu angehalten, viel mit den Bewohnern zu reden. Wenn sie das aber beispielsweise in einer griechischen Taverne machen, müssen sie am selben Tag noch ein türkisches Café besuchen. Hier wird Gleichheit wirklich gelebt! Es gibt auch keinerlei Kriminalität in Pyla, erzählt der australische Police-Officer. Und es sei einzigartig in der Welt, dass Muslime und Christen hier Tür an Tür in so einem kleinen Dorf wohnen. Vor allem seien die Leute hier nicht nachtragend, keiner gibt dem anderen die Schuld am Konflikt. Zwar haben auch diese Menschen auf beiden Seiten Angehörige und Freunde verloren; doch wissen sie, dass nicht die Menschen in diesem Dorf die Schuld tragen.

Überhaupt stellen sich beide Seiten immer öfter die Frage, warum man nicht friedlich – beispielsweise in einer Föderation – zusammenleben könne. Diese Frage stellte sich allerdings erst nach der Öffnung der Grenzen, als beide Nationalitäten langsam wieder zusammengeführt wurden. Dies scheint die gefragteste und realistischste Lösung für den Zypern-Konflikt zu sein, die Friedensgespräche allerdings dauern an, die Eigentumsproblematik ist noch lange nicht gelöst. „Man bräuchte Zypern nur mit einem riesigen Kran neben Neuseeland heben, dann wäre das Problem in Null komma Nichts gelöst.“ Auch dies ist die Meinung vieler: Politische Interessen außerhalb Zyperns hemmen den Fortschritt.



Samstag, 11. September 2010

... Cyprus: Walking-by-Impressions

An meinem letzten Tag heute bin ich noch einmal durch die Altstadt von Nicosia spaziert und habe auch noch einmal die Green Line passiert. Ich habe vieles gesehen, dass mir bisher noch nicht aufgefallen ist - es gibt einfach so viel zu sehen, so viele kleine Nuancen, die einem beim ersten oder zweiten Mal einfach nicht ins Auge springen. Außerdem habe ich kurz mit einigen Passanten gesprochen und mir jeweils angehört, wie sie sich an diese Gegend erinnern.

Direkt an der UN-Bufferzone, nicht weit von der Touristen-Einkaufsstraße Ledra Street und dem bekanntesten Übergang zum Nordteil, sieht man größtenteils Ruinen. Nebenbei natürlich immer die Schilder "UN-Zone", "Fotografieren verboten", etc. Es wirkt extrem verwahrlost (zwei Seitenstraßen der Touristenzone entfernt!), Fenster sind eingeschlagen, Mauern verwittert, überall liegt Sperrmüll - hier wohnen kaum Menschen. Jene, die dort wohnen, sind Migranten; eine griechisch-Zypriotin habe ich auch aufgestöbert, indem ich einfach in ein ruinenartiges Haus gegangen bin und im ersten Stock angeklopft habe, weil ich draussen Wäsche hängen gesehen habe. Bei der Erklärung, warum sie hier wohnt, blickt sie traurig aus dem Fenster - direkt auf Stacheldraht, zerstörten Häusern und das UN-Schild. Unter ihr hatte ein griechischer Zypriot einmal einen Metallwarenladen, hier sind ständig Menschen ein und aus gegangen. Jetzt ist er leer, bis auf das letzte ausgeräumt, nur noch Bierflaschen erinnern daran, dass jemals Menschen hier waren. Sie blieb als einzige hier, weil sie immer noch hofft, irgendwann einen anderen Blick aus dem Fenster genießen zu können - wie früher.


Der Blick aus dem Fenster

Man kann sich, wenn man durch die Straßen geht, wirklich nur schwer vorstellen, dass hier einmal alles vor Lebenslust gestrotzt hat, dass hier Menschen gewohnt haben, Feste gefeiert wurden und alles voller Leben war. Auf meinem weiteren Weg sehe ich Wohnungen, die von der UN übernommen wurden - neben jeder Wohnung steht UN und eine Zahl mit weißer Farbe auf eine braune Wand gemalt. Die Fenster und Türen sind heraus gerissen, hier hat lange keiner mehr gewohnt. Darunter sammelt sich Sperrholz in der Sackgasse - alte Schreibtische, Reifen, Mistkübel, Stühle, Nachttischlampen und Reste aus Wohnungen, die sicherlich viel erzählen könnten. Gleich daneben, in einer Garage, steht ein geputzer, glänzender Porsche. Kurioser könnte das Bild gar nicht sein. Leider habe ich beides nicht auf meine kleine Digicam gebracht, hier dafür ein anderer, selbsterklärender Eindruck der Stadt.


...

Merklich ist auch der Geruch in den Straßen - ein süsslicher, sehr angenehmer Geruch, der in der Luft hängt. Überall, in jeder Taverne, jedem Pub, jedem Café sitzen Menschen jeden Alters, die zufrieden an ihrer Shisha nuckeln. Im Vorbeigehen höre ich des Öfteren "cyprus ... problem ... the greek and the turkish ...."; die meisten Touristen (es müssen Touristen sein nehme ich an, sonst würde ich ihre Sprache nicht verstehen) unterhalten sich offenbar über das Thema, das mir seit Dienstag Abend offensichtlich vorkommt: Das Zypern-Problem.
Zurück im Hotel, beim Auschecken, spreche ich noch kurz mit einem sehr alten Rezeptionisten. Als er mich fragt, was mein Business ist, erzähle ich ihm kurz warum ich hier bin. Sein kurzer Kommentar dazu: "Wenn man Zypern mit einem Kran versetzen würde - neben Neuseeland beispielsweise - wäre das Problem schneller gelöst als man glauben könnte."

Jetzt geht es wieder ab nach Wien, wo ich mit sovielen Menschen wie möglich über meine Eindrücke sprechen werde, damit ich das Wichtigste filtern kann. Gern fliege ich aber nicht - ich hab mich so an die Wärme gewöhnt, an den Anblick von solchen Dingen aber nicht.

Freitag, 10. September 2010

... Cyprus: Die andere Seite

Heute habe ich, wie angekündigt, eine türkische Zypriotin und ihren Freund getroffen, weil ich mir auch einmal die andere Seite anhören wollte. Wenn man hier im südlichen Teil Zyperns beherbergt ist, hört man natürlich auch nur die griechisch-zypriotische Meinung über das Zypern-Problem - mal mehr neutral, mal mehr einseitig.

Deniz ist 23 Jahre alt, hat also weder die Unruhen 1963, noch die Invasion der Türken 1974 miterlebt. Trotzdem kann sie die ganze Geschichte Zyperns relativ neutral erzählen, ohne die eine oder die andere Seite zu verharmlosen; sie habe viele Gespräche darüber geführt und auch sehr viel mit ihren Eltern darüber gesprochen. Sie stellt sich weder auf die eine, noch auf die andere Seite - arbeitet aber auf der einen und wohnt auf der anderen. Wenn es allen Beteiligten wirklich ernst wäre, das Problem zu lösen - ohne die Arroganz, die sie an beiden Seiten so stört - würde sich das Problem in einer Nacht in Luft auflösen. Vor allem aber die Propaganda - der "Brainwash", der auch vor allem in der Schule stattfindet - ist das hauptsächliche Problem.

Sie erzählt auch von vielen sehr absurden Dingen - beispielsweise hat sie auf der griechischen Seite der Green Line eine verletzte Katze gefunden, die sie nach Hause nehmen wollte um sie dort zu versorgen - das wurde ihr verwehrt, warum weiß sie nicht genau. "Katzen springen tagtäglich von einer Seite auf die andere - wenn sie aber von einer Menschenhand getragen werden, ist es verboten." Sie hat auch zwei Handys, weil das griechische auf der türkischen Seite nicht funktioniert und sie außerdem Roaming mit dem türkischen auf der griechischen Seite zahlen müsste. Oder dass ihr Freund mit seinem griechisch-zypriotischen Firmenauto nicht auf die türkische Seite fahren darf, weil die Türken glauben würden, er habe das Auto im Süden gekauft, was nicht erlaubt ist. Oder oder oder - sie hat so viele absurde Beispiele genannt, dass es wie eine Satire klingt.

Im Grunde versteht sie aber auch die griechisch Zyprioten und kann nachvollziehen, warum viele nicht die türkische Seite besuchen möchten. Sie hat auch viele griechisch-zypriotische Freunde, mit denen sie oft über diese Dinge diskutiert. Viel kommt freilich nicht dabei heraus - Stichwort Brainwash. In einem sind sie sich aber einig: Die türkischen Soldaten sollen aus dem Norden abziehen; auch die türkischen Zyprioten empfinden sie als Invasion. Sie sind nämlich damit schon wieder in der Minderheit wie auch vor der Teilung Zyperns. Mittlerweile, sagt sie (verlässliche Zahlen gibt es zwar nicht, dafür aber viel Research-Arbeit zu diesem Thema), gibt es etwa 500.000 Menschen, die im Norden wohnen - 1974, bei der Teilung Zyperns, waren es um die 100.000 bis 120.000.

Wirklich Hoffnung hat sie aber auch nicht, auch das ist eine Gemeinsamkeit der beiden zypriotischen Gemeinden. Falls sich wirklich keine Lösung findet, wird irgendwann die türkische Wirtschaft, sofern man überhaupt davon sprechen kann, zusammenbrechen. Denn Ressourcen
gibt es jetzt schon keine - alles, was möglich war, wurde in die Türkei exportiert. Falls das geschieht, meinte sie, wird sie vielleicht auswandern. Vielleicht wohnt sie dann aber auch schon im Süden - Diskriminierung hin oder her.

Donnerstag, 9. September 2010

... Cyprus: Grenzüberschreitung

Heute war ein sehr informativer, aber auch ein sehr anstrengender Tag - insofern, als dass ich so viele Dinge erfahren, so viele persönliche Geschichten gehört, so viele Eindrücke gesammelt habe, dass ich erstmal ordnen muss, was wo hingehört. Außerdem macht es die Hitze (etwa 36 Grad) nicht leichter, klar zu denken, im Gegenteil, sie macht schläfrig...

Nach ein paar zypriotischen Kaffees (das ist eigentlich türkischer Kaffee, heißt aber aus "verständlichen" Gründen hier im "richtigen Zypern" nicht so) hat mein Körper endlich verstanden, dass er weitermachen soll. Ein Highlight heute war auf jeden Fall die Überschreitung der Grenze (im wahren und im übertragenen Sinn) in der Hauptstadt. Wobei man Grenze ja nicht sagen darf ("A boarder is between two countries, that's the Fireline.") Nachdem mir ein relativ unfreundlicher türkischer Polizist, der sich offenbar nicht mit mir unterhalten wollte, ein Visum ausgestellt hat, gings auf die türkisch-zypriotische Seite Nicosias, die, wenn man die Hauptstraße verlässt, so aussieht:



Überhaupt war heute ein türkischer Feiertag (Ramazan Bayramı, das "Fest des Fastenbrechens" am Ende des Ramadans), also nicht unbedingt der beste Zeitpunkt, um sich die geteilte Hauptstadt auf der "anderen Seite" anzusehen. Die meisten Geschäfte waren geschlossen, nur jene waren offen, die an der touristischen Hauptstraße weggehend voder Green Line liegen. Überhaupt wirkt Nord-Nicosia nicht unbedingt einladend; eher wie eine Geisterstadt. Und die Menschen hier sind nicht unbedingt auskunftsfreudig und jene, die es wären, können sich nicht mit mir verständigen.

Am Nachmittag habe ich lange mit einem UN-Blauhelm, der über 15 Jahre hinweg insgesamt 4,5 Jahre auf Zypern war und gerade ist, über das Zypern-Problem gesprochen. Es war interessant, eine relativ neutrale Sicht der Dinge zu hören, hat mich aber schon auch sehr verwirrt, weil er mir die vielfältigsten - außerzypriotischen - Interessen erläutert hat. Es war toll, eine solche Rundumsicht der Dinge zu bekommen, danach war ich aber mal vollkommen dizzy und musste alles ordnen, was mir bis jetzt noch nicht ganz gelungen ist.

Zum krönenden Abschluss war ich mit einer griechisch-zypriotischen Familie in einer griechischen Taverne Abendessen - begonnen haben wir zu viert, letztendlich sind wir zu sechst am Tisch gesessen. Die Quintessenz des Abends: Sie hassen die (eingewanderten) Türken, die im Norden leben und überhaupt sind sie Schuld an der ganzen Misere und sind auch dafür verantwortlich, dass das Problem gelöst wird. Sehr intelligente, gut ausgebildete Menschen sind das, die aber einfach so emotional betroffen sind (die ganze riesengroße Familie wurde aus ihren Häusern in einem Dorf im Norden vertrieben, ohne etwas mitnehmen zu dürfen), dass sie auch gar nicht neutral denken können - was natürlich nachvollziehbar ist. Man lässt sich schnell von den vielen meist wirklich furchtbaren Geschichten einnehmen und bildet sich eine Meinung; ich werde zu diesem Zweck aber morgen eine türkische Zypriotin treffen, die mir ihre Sicht der Dinge schildern wird.

Als Zuckerl hätte ich heute auch ein Telefoninterview mit einer griechischen Zypriotin gehabt, die mit einem türkischen Zyprioten verheiratet ist - jedem, dem ich das erzähle, ist davon ganz erstaunt und sagt mir, dass ich solche mixed couples an einer Hand abzählen könne. Durch den türkischen Feiertag allerdings musste sie packen, um ihre Family in law zu besuchen und hatte kaum Zeit um mit mir zu reden - und hätte das wohl auch nicht sehr gern gemacht. Wir haben uns aber darauf geeinigt, dass ich ihr die Fragen per Mail zusende, sie mit ihrem Mann darüber spricht und dann - "promised!" - antworten wird, allerdings erst Anfang nächster Woche. Darauf freue ich mich sehr, denn das wird sicher eine spannende Geschichte werden!

Mittwoch, 8. September 2010

... Cyprus: Best Practice?

Pyla ist das einzige Dorf auf Zypern, in dem griechische und türkische Zyprioten nebeneinander leben; sonst sind sie auf ganz Zypern durch (selbst gezogene oder militärische) Grenzen getrennt. Persönlich dachte ich eigentlich, dass irgendwo in Pyla eine unsichtbare, aber doch merkliche Grenze gezogen ist, die die beiden Nationalitäten (die ja eigentlich eine sind) ebenfalls voneinander trennt.



Am Hauptplatz in Pyla angekommen, steige ich in das UN-Auto des slowakischen Offiziers ein, der mich nach "Alcatraz" begleitet; so ist der Name der UN-Basis auf dem Berg in Pyla, wo 24 Stunden sieben Tage die Woche 14 slowakische UN-Soldaten auf staubigen Pisten, mitten in der Pampa, ihre Patrouillen fahren. Rundherum ist eine griechische, eine türkische und eine türkisch-zypriotische (das darf nicht verwechselt werden!) Militärbasis, alle in Sichtweite der UN-Base. Es gebe hier oben schon manchmal Probleme wegen der Bufferzone - hauptsächlich mit (betrunkenen) Jägern, die die Bufferzone betreten, oder Soldaten, die sich bewaffnet oder zu weit von der Grenze (400m sind erlaubt, manche gehen aber 500m weit) bewegen. In Pyla selbst, im kleinen Dorf direkt, gebe es aber keine Probleme. Das versichern sowohl UN-Soldaten, ausländische Kellnerinnen die hier arbeiten, Einheimische und ein australischer Police-Officer, der ebenfalls für die UN tätig ist.

Das kann man auch wirklich am ersten Blick erkennen: Das Dorf ist sehr ruhig und wirkt durch Second-Hand-Läden namens "Friends" oder Pubs namens "Happy Nest" wirklich sehr freundlich. Das "Happy Nest" ist eines der wenigen Pubs, in dem türkische als auch griechische Zyprioten verkehren - sonst gibt es schon eigene Lokalitäten: Griechische Tavernen und Türkische Cafes reihen sich am Hauptplatz nebeneinander. Flaggen sind nirgends zu sehen; sie sind nur an religiösen Feiertagen oder an Schulen erlaubt. Überhaupt ist hier jeder darauf bedacht, dass Gleichheit herrscht: Beispielsweise sind die sechs slowakischen UN-Soldaten, die jeweils sechs Monate im Dorf stationiert sind dazu angehalten, viel mit den Bewohnern zu reden. Wenn sie das aber beispielsweise in einer griechischen Taverne machen, müssen sie auf jeden Fall am selben Tag noch ein türkisches Café besuchen. Hier wird Gleichheit also wirklich (zumindest nach außen) gelebt! Es gibt auch keinerlei Kriminalität in Pyla, erzählt der australische Police-Officer. Das sagt aber nicht nur er, beeilt er sich dazu zu sagen, das zeigen vor allem die Statistiken eindeutig. Er meint es ist einzigartig in der Welt, dass Muslime und Christen hier Tür an Tür in so einem kleinen Dorf wohnen.

Das beste, was ich heute gehört habe, war, dass die Leute hier weder nachtragend sind, noch dass sie sich die Schuld an der "Misere Zypern" geben. Zwar haben auch diese Menschen (auf beiden Seiten!) Angehörige und Freunde verloren; doch wissen die Pylaner, dass nicht die Menschen in diesem Dorf die Schuld tragen. Deshalb ist das Zusammenleben auch idyllisch und friedlich, auch wenn das durch die UN und die Militär-Aussichtstürme der anderen Nationen nicht unbedingt so wirkt. Die UN ist zwar unbewaffnet, die türkischen und griechischen Soldaten allerdings nicht. Das macht teilweise schon Angst, meint ein Einheimischer.

So schön und nach "Best Practice" für ganz Zypern das auch klingen mag: Der Pub-Besitzer des "Happy Nest", ein griechischer Zypriot, trinkt beispielsweise nicht aus einer Tasse, die türkisch gebrandet ist. Er beharrt darauf, seinen zypriotischen Kaffee in einer Tasse mit griechischem Logo zu trinken.



Da führt kein Weg daran vorbei, denn ganz geheuer sind die türkischen Zyprioten ihren griechischen National-Genossen dann doch nicht. So verhasst wie die Festlandtürken sind sie aber noch lange nicht.

Dienstag, 7. September 2010

... Eurotours: Zypern, ich komme!

So, heute ist es soweit: Meine Reise nach Zypern geht um 16:40 los. In der letzten Woche hat sich so wahnsinnig viel ergeben, dass ich schonmal einen ziemlich straffen Zeitplan habe, aber ich freue mich sehr darauf. Ich freue mich auf die vielfältigsten Eindrücke, Menschen, Situationen und Gespräche, die sich mir bieten werden.

Heute Abend werde ich erstmal in Larnaca ankommen, mir ein Mietauto schnappen und mich an den zypriotischen Linksverkehr gewöhnen. Es sind etwa 45 Kilometer vom Flughafen in die Hauptstadt Nicosia, da kann ich auf der Autobahn schon mal üben.

Morgen, am 8. September gehts gleich mal um 9:00 los, da treff ich Tomas Dano, den Military Public Information Officer der UN in Zypern. Auch hier ist mein Zeitplan sehr straff; ich bin ab 10:00 bei Friedensgesprächen dabei (wobei ich mir nicht vorstellen kann, dass das ernsthaft eintritt), treffe Blauhelme und werde mich mal über die Grenzsituation informieren. Danach geht's los nach Pyla, das von mir schon oft erwähnte einzige Dorf, wo griechische und türkische Zyprioten nicht mit-, aber nebeneinander leben. Auch dort werde ich Polizeitstation etc. besuchen und (wenn möglich) sowohl mit türkischen, als auch mit griechischen Militärs sprechen, die dort stationiert sind. Das Highlight wird aber mein Gang durch dieses Dorf, wo ich mir genau ansehe, wie sich die Menschen verhalten, wie sie sich gegenseitig sehen etc - ein Lokalaugenschein also.
Abends gehe ich mit Christine Wendl, der österreichischen Konsulin in Zypern, Abendessen.

Am Donnerstag besuche ich in der Früh die NGO KISA, die sich mit Migrationsthemen befasst. Dort werde ich wohl mehr über die schlimmen Bedingungen der Flüchtlingslager erfahren und vielleicht sogar eines besuchen, wenn es die Zeit erlaubt. Danach werde ich mit der Familie von Aphrodite telefonieren und versuchen, einige von ihnen zu treffen. Ich bin sehr gespannt, was hier alles rauskommt, sie haben mir viel versprochen; beispielsweise mir den Kontakt zu einem türkischen Journalisten herzustellen oder mit mir in das Dorf zu dem Haus fahren, aus dem ihre Familie vertrieben wurde.

Am Freitag habe ich ein Interview mit dem Senior Lecturer der Cyprus University of Technology, Marios Kassinopoulos. Mit ihm werde ich über Migration und Fachkräftemangel sprechen bzw. über Dinge, die mir bis dahin in den Sinn gekommen sind.

Samstag Nachmittag geht die Reise wieder zurück nach Wien, ich habe also 3,5 Tage, um wirklich zu recherchieren. Ich hätte eventuell auch noch die Möglichkeit, mich mit einem "gemischten" Pärchen zu treffen, sie ist griechische Zypriotin, er türkischer Zypriot. Auch das wäre sehr interessant zu erfahren, ob das Umfeld Probleme damit hat und die Geschichte à la Romeo und Julia wiederholt wird oder ob das eine völlig normale Situation ist. Ich bin gespannt.

Mal sehen ob ich meine ambitionierten Pläne alle umsetzen kann, aber ich denke schon. Ich werde ja sehen, welche Gespräche, welche Termine nützlich sind und welche nicht. Aber keine Sorge, ich habe immer Peter Linden und den Kontrast im Kopf.