Die Ledra Street endet abrupt an einer Mauer, die Häuser sind leer und dem Verfall preisgegeben. Ein kurzer Übergang, einige Fotos von griechisch-zypriotischen Soldaten, ein Schild, das fast schon stolz die „letzte geteilte Hauptstadt Europas“ in Englisch, Französisch und Deutsch ankündigt: So sieht es aus, wenn man die Green Line in den türkisch-zypriotischen Norden überschreiten will. Viele Touristen tun das, zeigen ihren Pass einem türkischen Zyprioten, füllen ein kleines Formular aus, erhalten ihr Visa und tuscheln dabei relativ amüsiert. Die türkisch-zypriotischen Grenzbeamten blicken krampfhaft an jedem vorbei und wirken frustriert, denn eigentlich ist heute ein türkischer Feiertag: Ramazan Bayramı, das "Fest des Fastenbrechens", und sie müssen arbeiten – wie so viele türkisch Zyprioten, die im Süden Arbeit gefunden haben.
„Drüben“ im Norden allerdings merkt man, dass ein Feiertag begangen wird: Nur die Geschäfte auf der Hauptstraße sind geöffnet, vereinzelte Kioske. Wenn man ein paar Mal von der Haupttouristen-Route abbiegt, gibt es weder Hotels noch Bankautomaten, kaum Restaurants oder Geschäfte. Alles wirkt verlassen, ein bisschen wie eine in der Sonne flimmernde Geisterstadt – geschlossene Türen und Fenster, mit Schlössern verriegelte Tore, kaputte Scheiben, eingetretene Türen, bröckelnde Fassaden. Und auf einer Seite der stetig weiterlaufende Stacheldraht mit den Sandsäcken auf der grauen Mauer.
Seit 36 Jahren ist Zypern nun geteilt, nachdem türkische Streitkräfte den Norden der Insel besetzten. Sie beriefen sich auf ihre Rolle als Garantiemacht für die Minderheit der türkischen Zyprioten, weil ein Putschversuch von Offizieren der Militärjunta in Griechenland und der Zypriotischen Nationalgarde die Angliederung Zyperns an Griechenland anstrebten. 1983 erfolgte die Proklamation der Türkischen Republik Nordzypern, die bis heute nur von der Türkei anerkannt wird. Seit 2004 ist ganz Zypern Mitglied der Europäischen Union, in der Realität ist aber faktisch nur der südliche Teil Bestandteil der EU.
Trotz der Teilung der Insel sind die türkischen Zyprioten nun aber wieder in der Minderheit. Nach 1974 wurden zahllose Festlandtürken im Norden Zyperns angesiedelt, konkrete Zahlen werden bis heute unter Verschluss gehalten. Man spricht aber von fast 779.000 Einwohnern im Süden, der Norden zählt nach Regierungsangaben fast 89.000 „legitime“ Einwohner. Insgesamt sollen im Norden aber bis zu 265.000 Menschen wohnen – also mehr Türken als türkische Zyprioten.
Die Türken werden auf Zypern – sowohl im Süden, als auch im Norden – als Invasoren gesehen. Die griechischen Zyprioten verteufeln sie, weil sie die Schuld an der Teilung ihrer Insel tragen; die türkischen Zyprioten leiden darunter, nur von der Türkei als Staat anerkannt zu werden, was dazu führt, dass ihre Wirtschaft unter dieser Last zusammenbricht – der einzige Handelspartner ist die Türkei, der die Ressourcen des Nordens der ehemaligen britischen Kronkolonie aussaugt. Einzig und allein die Erlaubnis zum Glücksspiel bringt dem zypriotischen Norden Geld ein; dies ist auch der häufigste Grund für griechische Zyprioten, in den Norden zu reisen. Der andere Grund, die Green Line vom Süden in den Norden zu übertreten ist jener, dass einige griechische Zyprioten ihre alten Dörfer und ihre zwangsenteigneten Häuser besuchen.
Viele Tränen seien schon geflossen, erzählt der 46-jährige Panos, als er den Ort, an dem er zehn Jahre seiner Kindheit verbracht hat, aufgesucht hatte. Dreimal war er nun dort, würde aber nicht mehr hinfahren. Es sei zu schmerzhaft zu sehen, dass völlig fremde türkische Zyprioten darin leben, als sei es immer schon ihr Besitz gewesen. Die Familie sei zwar freundlich und habe ihm auch Kaffee und ein Gespräch angeboten, aber trotzdem habe er Bilder von sich und seiner Familie vor Augen, wenn er einen Blick auf das Haus wirft. Kein Geld der Welt könnte dieses Haus ersetzen. Wenn sich bei den Friedensgesprächen ergebe, dass den Zwangsenteigneten eine bestimmte Abfindung zustünde, würde er das Geld nicht nehmen.
Panos‘ Kusine Liana hat als einzige ihrer Familie noch keinen Fuß in den türkisch besetzten Teil Zyperns gesetzt und wird dies auch nicht tun, solange sie ihren Pass benötigt um eine Grenze zu überqueren, die sie nicht akzeptiert. Auch würde sie nicht akzeptieren, wenn eines ihrer zwei Kinder mit einem türkischen Zyprioten oder gar einem Türken zusammen wäre. Das würde sie fast als Verrat ansehen. Viele griechischen Zyprioten denken wie Liana – auf Fremde wirkt dies stur und emotional.
Deniz, eine junge, sehr engagierte türkische Zypriotin, kennt Zypern gar nicht anders als geteilt. Sie verstehe aber nicht, wie es so weit kommen konnte und warum das Problem immer noch besteht. Zwar weiß sie, dass in beiden Teilen die Kinder eine eigene Geschichte ihrer Insel lernen und „Gehirnwäsche“ oben auf der Lehrliste steht. „Man glaubt gar nicht, wieviele Adjektive von den Lehrern benutzt werden – Worte wie böse oder gemein sind alltäglich im Zusammenhang mit ‚den anderen.‘“ Sie könne die Sturheit vieler nachvollziehen, wisse aber, dass durch Sturheit und persönliche Betroffenheit ein solches Problem nicht gelöst werden kann. Auch sie und ihre Familie habe viel mitgemacht, musste von den Süden in den Norden ziehen und empfindet die türkischen Soldaten als Belastung. „Es ist ohnehin nicht leicht, sich integrieren zu müssen im eigenen Staat, der dann plötzlich nur noch einer Seite gehört. Und dann sind da die Türken, die es irgendwie noch schwerer machen.“ Sie würde sich gerne mit dem Süden solidarisieren und sie weiß, so wie ihr geht es vielen. „Doch was können wir tun außer bikommunale Events zu machen oder zu demonstrieren? Außerdem müssen die griechischen Zyprioten auch anerkennen, dass sie gegenüber uns viele Fehler gemacht haben.“
Dieses Poster, bei dem die Waffe eines türkischen Soldaten mit einer Gitarre ausgetauscht wurde, war die Einladung für ein bikommunales Event
Wenn man die Geschichten hört, die auf persönlichen, sehr emotionalen Erfahrungen und Erlebnissen beruhen, kann man erahnen, wieso der Zypern-Konflikt im Alltag der Menschen so hartnäckig anhält. Vereinfacht gesagt: Die Zeitrechnung der griechischen Zyprioten beginnt im Jahr 1974 mit der Invasion der Türken, die den griechischen Zyprioten die Hälfte ihrer Insel weggenommen haben. Auf der anderen Seite waren die türkischen Zyprioten seit jeher in der Minderheit, hatten vor 1974 mit vielen Repressionen zu kämpfen und wurden vielfach unterdrückt, zuletzt, als Zypern den Anschluss an Griechenland provozieren wollte. Bevor allerdings Zypern überhaupt unabhängig wurde, kämpften griechische und türkische Zyprioten Seite an Seite gegen die britische Besatzung und für die Unabhängigkeit.
BEST PRACTICE AUF MIKRO-EBENE
Auch in der Gegenwart kämpfen türkische und griechische Zyprioten Seite an Seite: Als Pärchen. Auch wenn dies nicht oft vorkommt: Der türkische Zypriote Murat und die griechische Zypriotin Gina heirateten im letzten Jahr. Ihre Mission ist es, „die ethnische Feindschaft durch das Zusammenbringen von Rivalen zu brechen. Unser größter Erfolg sind wir selbst, wir haben geheiratet. Mischehen sind extrem rar auf Zypern, aber wir hoffen, dass wir bald die Norm sind.“
Nach der Öffnung der Grenzen hat Murat Gina im Süden kennen und lieben gelernt. Beide haben schnell das gemeinsame Interesse erkannt: Barrieren zu durchbrechen. Gina ist involviert in die NGO „Hands across the divide“, die erste bikommunale Initiative, Murat leitet die „New Cyprus Party“, eine kleine linksgerichtete Partei, die die Annäherung beider Seiten propagiert. Ihre Familien haben sie zuerst nichts gesagt; als aber das Geheimnis ausgesprochen war, wurden Zweifel laut. „Beide Elternpaare wollten sich nicht treffen und auch den Mensch, mit dem ihr Kind zusammen ist, nicht kennenlernen, weil es, glaube ich, leichter war, das Stereotyp zu behalten“, erklärt Gina. „Irgendwann sind wir dort angelangt, dass einfach ein Mann und eine Frau zusammen sind“, erklärt Murat erleichtert. Abseits der Eltern gab es aber auch massive Schwierigkeiten und persönliche Übergriffe. „Sind uns die Männer ausgegangen?“ hat Gina des Öfteren gehört – auch wenn das noch das harmloseste war. „Ich kannte zwei andere gemischte Beziehungen, sie sind aber unter familiärem Druck auseinandergegangen. Ich glaube aber, dass das sehr bald alltäglich wird. Als 2003 einige Checkpoints geöffnet wurden haben die griechischen Zyprioten mit dem Finger auf türkische Zyprioten gezeigt, die in Supermärkten im Süden eingekauft haben. Und auch das ist jetzt normal“, so Gina.
BEST PRACTICE AUF MAKRO-EBENE
Normal ist auch das Zusammenleben von türkischen und griechischen Zyprioten – allerdings nur in einem Dorf auf ganz Zypern. Pyla, ein kleines Dorf östlich von Larnaka, ist ein strategisch wichtiger Punkt inmitten der Pufferzone zwischen Nord und Süd. Hier leben beide Nationalitäten nebeneinander – nicht zusammen, aber als Nachbarn Seite an Seite. Als 1974 rund 200 000 Griechen ihre Heimatdörfer im Norden verlassen mussten und 45 000 Türken vom Süden in den Norden getrieben wurden, waren die rund 300 türkischstämmigen Einwohner Pylas einfach in ihrem Heimatdorf geblieben, das sie Pile nennen. Sie kommen mit den etwa tausend griechischen Dorfbewohnern aus, haben eine eigene Schule, einen eigenen Interessenvertreter in der Verwaltung und können ihre eigene Moschee besuchen. Zwei Muktars – einer verantwortlich für die griechischen, einer für die türkischen Zyprioten – werden von den Communities gewählt und kommen zusammen, wenn es Allfälliges zu klären gibt.
Ein UNO-Posten, verwaltet und bewacht derzeit von sechs slowakischen Blauhelmen, befindet sich über einem ehemaligem Café, ganz in der Nähe eines Pubs, das sich „Happy Nest Pub“ nennt und sowohl türkische als auch griechische Zyprioten als Gäste begrüßt. Auch wenn die Stimmung sehr friedlich ist und sowohl die UN-Soldaten als auch ein australischer Polizist versichern, dass es hier kaum bis gar keine Probleme mit Kriminalität gebe und sie deshalb auch unbewaffnet sind – der Chef des erwähnten Pubs beispielsweise weigert sich, aus einer Tasse zu trinken, die mit einem türkischen Emblem verziert ist, erzählt eine Kellnerin leise lächelnd. Auch wenn der Schmerz über die geteilte Insel auch nur mit kleinen Gesten omnipräsent ist: Pyla scheint das Vorzeigeprojekt Zyperns zu sein, ohne dass dies der Rest Zyperns bemerken würde.
Griechische Tavernen und Türkische Cafes reihen sich am Hauptplatz nebeneinander. Flaggen sind nirgends zu sehen; sie sind nur an religiösen Feiertagen oder an Schulen erlaubt. Überhaupt ist hier jeder darauf bedacht, dass Gleichheit herrscht: Beispielsweise sind die sechs slowakischen UN-Soldaten, die jeweils sechs Monate im Dorf stationiert sind dazu angehalten, viel mit den Bewohnern zu reden. Wenn sie das aber beispielsweise in einer griechischen Taverne machen, müssen sie am selben Tag noch ein türkisches Café besuchen. Hier wird Gleichheit wirklich gelebt! Es gibt auch keinerlei Kriminalität in Pyla, erzählt der australische Police-Officer. Und es sei einzigartig in der Welt, dass Muslime und Christen hier Tür an Tür in so einem kleinen Dorf wohnen. Vor allem seien die Leute hier nicht nachtragend, keiner gibt dem anderen die Schuld am Konflikt. Zwar haben auch diese Menschen auf beiden Seiten Angehörige und Freunde verloren; doch wissen sie, dass nicht die Menschen in diesem Dorf die Schuld tragen.
Überhaupt stellen sich beide Seiten immer öfter die Frage, warum man nicht friedlich – beispielsweise in einer Föderation – zusammenleben könne. Diese Frage stellte sich allerdings erst nach der Öffnung der Grenzen, als beide Nationalitäten langsam wieder zusammengeführt wurden. Dies scheint die gefragteste und realistischste Lösung für den Zypern-Konflikt zu sein, die Friedensgespräche allerdings dauern an, die Eigentumsproblematik ist noch lange nicht gelöst. „Man bräuchte Zypern nur mit einem riesigen Kran neben Neuseeland heben, dann wäre das Problem in Null komma Nichts gelöst.“ Auch dies ist die Meinung vieler: Politische Interessen außerhalb Zyperns hemmen den Fortschritt.




