Montag, 15. Oktober 2012

... Books. Diesmal: Dai Sijie: Balzac und die kleine chinesische Schneiderin


»Wir waren weder die ersten noch die letzten Versuchskaninchen dieses gewaltigen menschlichen Experiments.«
Dai Sijie erzählt in »Balzac und die kleine chinesische Schneiderin« die Geschichte zweier junger Chinesen, die während Maos Kulturrevolution als Kinder von »Intellektuellen« – und damit Volksfeinden – zur Umerziehung in abgelegene Bergdörfer geschickt werden.
Die erwartete Trostlosigkeit und die harte, undankbare Arbeit im Dorf werden für Luo und den Ich-Erzähler allerdings durch einen Koffer voll westlicher Literatur und der Schönheit der kleinen chinesischen Schneiderin, wie sie genannt wird, zum Abenteuer. Die Bücher behüten die jungen Männer wie einen Schatz und verschlingen sie wie hungrige Mäuler. Die Bücher haben aber noch eine andere Funktion: Durch sie will Luo die kleine chinesische Schneiderin weiterentwickeln und zu einer Frau machen, die auch intellektuell seinen Vorstellungen entspricht.
Letztlich kommt man der Erkenntnis nicht aus, dass auch Luo, der umerzogen werden sollte, seine kleine chinesische Schneiderin unbewusst umerziehen möchte. Sie selbst nimmt diese Möglichkeit mit Freude wahr und geht am Ende des Buches als selbstbewusste junge Frau hervor, die Luo und ihren Vater verlässt, um in eine große Stadt zu gehen. Denn Balzac, Luos Lieblingsautor, habe ihr etwas beigebracht: Durch Balzac habe sie begriffen, dass die Schönheit der Frau ein unbezahlbarer Schatz ist.
Die zärtlichen, wertschätzenden Worte über die Bücher in dem (von den beiden gestohlenen) Koffer wirken wie eine Liebeserklärung an fremdartige Literatur und sind ein flammendes Plädoyer für deren Bedeutung, Horizonte zu erweitern. Neben der Liebe zur Literatur und der Liebe an sich und deren Verwirrungen steht vor allem die individuelle Freiheit im Vordergrund. Fazit: Ein wunderschöner Roman, der uns in für uns fremde, magische Welten entführt.
Das Buch wurde als Gratisausgabe im Rahmen der jährlichen Initiative »Eine Stadt. Ein Buch.« im Jahr 2010 von der Stadt Wien ausgegeben und umfasst ein Interview mit dem Autor als auch seine Biographie.
Veröffentlicht auf dem Boylevard.

Montag, 27. August 2012

... Books. Diesmal: Matthias Nawrat: Wir zwei allein

Ich trete auf sie zu, aber sie stellt sich ans Fenster. Jetzt ist sie nur als dunkle Gestalt zu sehen gegen das Licht.

Unerfüllte und innige, erlebte Liebe liegt oftmals so nah beieinander. Matthias Nawrat beschreibt in seinem Debütroman »Wir zwei allein« einen Liebeskosmos, der manchmal sehr schwer zu durchschauen ist, die Charaktere der zwei hauptsächlich Handelnden sind allerdings sehr scharf umrissen.

Der namenlose Gemüselieferant scheint nicht viel mehr zu brauchen in seinem Leben als Theres, seine fast schon zwanghaft Angebetete. Theres wiederum ist schwer zu durchschauen und wirkt egoistisch, sie handelt, als hätte sie ihren Weg noch nicht gefunden und scheint die Liebe des gutmütigen und sensiblen Gemüsehändlers auszunutzen.

Der Schwarzwald als mystisches, duftendes, erkundungsreiches Umfeld ist allgegenwärtig, die Lektüre bringt oftmals das Gefühl mit sich, als würde man unter einem Baum im Wald sitzen. Mittendrin kaufen sich die zwei vermeintlich Liebenden einen alten Hof, der Idylle, aber auch Einsamkeit erfühlen lässt. Die Generation der Unentschlossenen zweifelt, ob es denn wirklich die große Liebe ist, ob man nicht doch die falsche Wahl getroffen hat – und setzt sich damit oft einem hohen Risiko aus.

Große und kleine, jedenfalls sehr literarische Metaphern säumen den Weg, den Matthias Nawrat seine Figuren gehen lässt, oft schwappt Wahnsinn oder zumindest sehr starke Emotion über die Seiten und lässt den Leser verwirrt zurück.

Die Metaphern sind oft beängstigend, auch die klaren Gedanken lassen den Leser die Unlogik der Liebe und die Angst vor ihrem Verlust oft unangenehm spüren. Fantasien, Gedanken und Gespräche werden vermischt, ohne Anführungszeichen für direkte Zitate kann der Leser oft nur erraten, ob diese Sätze gesprochen wurden oder nicht. Dies vermittelte deutlich die Unsicherheit, mit der die Liebenden erfüllt sind.

Der Roman spielt mit dem individuellen Wahnsinn. Realität und Fantasie gehen Hand in Hand, aber immer auf einem schmalen Grat. Die Abgrenzung, was real, was erdacht ist, fällt hier sehr schwer. Matthias Nawrat kombiniert hier vermeintliche Liebe, Verzweiflung, Besitzansprüche, Wunschdenken, Bindungsängste und Unentschlossenheit und bietet damit eine Vielzahl an Interpretationsmöglichkeiten.

Veröffentlicht auf dem Boylevard.

Montag, 19. März 2012

... Books. Diesmal: John Niven: Gott bewahre


»Die Welt ist doch krank in der Birne.«

Wer hat sich das nicht schon mal gedacht? Dass dieses Zitat aber von Gott stammen soll, ist weniger nachvollziehbar. Hat er uns und die Welt doch angeblich erschaffen. Doch Gott ist nicht das, was die Kirche uns erzählt, es gibt viel zu viele Geschichten über Gott, die versuchen, Menschen Regeln aufzuerlegen. »Gott Bewahre« von John Niven ist ein erfrischender Roman für solche, die nicht an Gott glauben, dies aber doch gern tun würden. Denn Gott ist in »Gott Bewahre« ein cooler Typ mit einem kiffenden Sohn und sympathischen Ansichten und Hobbys.

Die Selbstzerstörung der Menschheit greift schnell um sich – vor allem ist das im Himmel so zu sehen, denn ein Tag im Himmel entspricht etwa 57 Erdenjahren. Gott war nur eine Woche Angeln, und schon steht alles Kopf. Seit der Renaissance hat Gott nicht mehr auf die Erde geschaut und ist umso schockierter, als er die Ereignisse auf der Erde Revue passieren lässt. Rassismus, Umweltzerstörung, Kommerz und die Christen, die in seinem Namen Schwachsinn verbreiten. Gott bleibt nichts anderes übrig, als seinen Sohn Jesus – passionierter Rock’n'Roller und beherzter Kiffer – zum zweiten Mal auf die Erde zu schicken, um Gottes einziges Gebot zu verbreiten: Seid lieb!

Das Buch ist lustig und überzeugt durch böse, aber sehr witzige Ideen, ist blasphemisch und entlarvt sehr schön die gängige Doppelmoral. Alle Dinge, die offenbar aus dem Gleichgewicht geraten sind – wie billiger Kommerz und scheinheiliger Kapitalismus – werden mit einer großen Portion schwarzem Humor und ohne Blatt vor dem Mund behandelt und durch den Kakao gezogen.

Die Geschichte liest sich dadurch nicht unbedingt wie eine Gesellschaftskritik, trotzdem muss man ob der Dummheit der Menschheit – bei der man sich selbst ja nicht ausschließen kann – oft den Kopf schütteln. Dies ist aber eine von Nivens Lieblingsbeschäftigungen: versteckte Kritik an der Gesellschaft und ihren Hobbys mit vielen Schimpfwörtern. Doch nie hat Niven den Nagel so auf den Kopf getroffen wie in »Gott Bewahre«.

Als linker Leser reibt man sich fast die Hände ob der kreativen, aber sehr bösen Ideen Nivens: Beispielsweise werden rassistische, rechte Prediger in der Hölle den ganzen Tag von mächtigen »Schwarzen« vergewaltigt; auch Abtreibungsgegner kommen dorthin oder Christen, die verkrampft und ohne andere Meinungen zu akzeptieren, die von Moses erfundenen zehn Gebote verbreiten und anderen aufzudrängen versuchen.

Letztendlich fügt sich Jesus dem Befehl seines Vaters und landet gemeinsam mit einer Gruppe aus dem sozialen Netz gefallener Menschen (wie einer ehemaligen Prostituierten mit zwei Kindern) bei einer Casting-Show, wo er behauptet, Jesus zu sein, und obendrein unverschämt gut singt. »Die Neuzugänge sind gestiegen«, wird daraufhin im Himmel festgestellt.

Jesus hat die Erde gerockt.

Donnerstag, 1. März 2012

... Books. Diesmal: Rajaa Alsanea, Die Girls von Riad


Ich halte das, was ich tue, nicht für das einzig Richtige, ich halte es aber auch nicht für verwerflich. Und ich erhebe keineswegs den Anspruch, vollkommen zu sein.

Mit 18 einen Roman zu schreiben, der offen und ehrlich über Liebe und Sex berichtet, ist in der westlichen Welt keine große Herausforderung. Thematisiert er aber diese Themen im Zusammenhang mit der saudischen Welt, kennt der Aufruhr keine Grenzen mehr.

Rajaa Alsanea erzählt in »Die Girls von Riad« Geschichten über vier saudische Freundinnen – Kamra, Lamis, Michelle und Sadim, die überall spielen könnten. Sie tun alles, was westliche junge Frauen auch tun – sie chatten, schreiben SMS, telefonieren stundenlang, verlieben sich und hoffen auf das große Glück. Doch letztendlich scheitern sie an konservativen Wertvorstellungen der gesamten Gesellschaft. Hier prallen veraltete Rollenbilder und modernes Großstadtleben aufeinander – und die vier Freundinnen agieren als Pufferzone.

Das Buch ziert einen rosa Einband, es wirkt wie ein Liebesroman für Mädchen. Der Einstieg in die Geschichten ist anfangs eher schwierig, da sie aus mehreren Komponenten bestehen und man den Rhythmus erst erspüren muss. Doch sobald das gelungen ist, liest sich der Roman wie eine kriminalistische Liebesgeschichte; nicht nur einmal musste ich bei der Lektüre den Kopf schütteln ob der Ungerechtigkeiten, die den Mädchen widerfahren – nur weil sie in einem Land leben, das Sex vor der Ehe (sogar zwischen »standesamtlicher« und »offizieller« Trauung) verbietet.

Die vielen Rollenbilder – vor allem jene der Männer – werden lediglich durch die Erzählung der Geschichten scharf kritisiert. Gleichzeitig bemüht sich Rajaa Alsanea, die Hintergründe zu erklären, damit keine weiteren einseitigen Rollenbilder aufblitzen. Denn das Unglück der Mädchen entsteht erst durch Männer und ihr Verhalten Frauen gegenüber, doch stets wird dies Verhalten mit der Geschichte und Kultur des Landes erklärt – nicht gerechtfertigt.

Ich wollte mir niemals anmaßen, über das Ungleichgewicht von Respekt zwischen Mann und Frau und die daraus resultierende Stellung der Frau in der Gesellschaft zu sprechen, da ich keinen Einblick in die Gefühlswelt der Frauen hatte. Durch das Buch gewinnt man einen tollen Einblick in eine nach Außen hin anscheinend vollkommen andere Welt Saudi-Arabiens und einen noch besseren Einblick in die Lebenswelt der Akteure, und man liest Gefühle, die man sich so nicht erwartete hätte.

Veröffentlicht auf dem . Boylevard.

... Books. Diesmal: Philip Roth, der menschliche Makel


Die Berührung durch uns Menschen hinterlässt einen Makel, ein Zeichen, einen Abdruck. Unreinheit, Grausamkeit, Missbrauch, Irrtum, Ausscheidung, Samen – der Makel ist untrennbar mit dem Dasein verbunden.

Das Buch »Der menschliche Makel« behandelt einige Themen – ob offensichtlich oder nur am Rande. Die augenscheinlichste Message ist allerdings die Gratwanderung zwischen allgemein gültiger menschlicher Ethik und Schicklichkeit und der persönlichen Vorstellung und Verwirklichung der eigenen Freiheit.

Der Hauptakteur Coleman Silk, ein angesehener Universitätsprofessor und – wenn man ihn persönlich kennen würde – ein bestimmt sehr beeindruckender, vielleicht etwas einschüchternder Mann, sieht sich plötzlich nach einer steilen Karriere und der vorangegangenen vollen Verweigerung der eigenen Vergangenheit mit absurden Vorwürfen konfrontiert, die nicht nur seine akademische Laufbahn gefährden, sondern auch das Leben seiner Ehefrau beenden. Allein diese Tatsache erschreckt – ein üblicher Schicksalsschlag, der nichts mit Unfall oder Mord zu tun hat, löscht ein Leben aus.

Durch diese Erlebnisse, durch unhaltbare Vorwürfe und dem Gefühl des Verlassen Werdens, stürzt Coleman Silk in einen tragischen Sog von Ereignissen, die sein Leben abseits der Universität, von der er sich abgewandt hat, prägen. Gleichzeitig holt er sich das, was sein Innerstes braucht – keine anspruchsvollen Diskussionen, keine Anerkennung von »wichtigen Menschen« – nein, er holt sich Liebe, Zuneigung, Sex und Spannung.

Dies alles vereint in einer einzigen Person, seiner Liebhaberin Faunia, die bisher nichts anderes als feste Tritte in die Magengrube von ihrem Leben persönlich erlebt hat. Durch diese zwei Schicksale – jeweils in seiner individuellen Eigenheit tragisch – machen sich die beiden Liebenden eine ganz andere Ebene zu eigen, als sie konventionelle Paare im Alltag erleben. Die Ebene der Echtheit, der Makel, der vollkommenen Losgelöstheit von Konventionen oder dem drohenden Zeigefinger der Moral.

Im Grunde kann ein solches Buch kein Happy End im hollywod’schen Sinn haben, das merkt der Leser schon nach ein paar Seiten. Immer wieder blickt man ob der simpelsten Erkenntnisse auf, wird gezwungen, die Welt aus den Augen zu sehen, die das verlangen, was man selbst haben möchte – ohne die Moralvorstellungen anderer zu befriedigen. Immer wieder schwingt Traurigkeit, Frust, Trotz und Zorn im Subtext der Zeilen und die Frage, wie man die Gratwanderung zwischen Moral und Ego am besten schafft, drängt sich mit jeder weiteren Seite mehr auf.

Die Figur Coleman Silk regt dazu an, sich seinem Leben zu stellen, seine eigenen Bedürfnisse zu erkennen und auszuleben, bevor das mühsam auf Lügen aufgebaute Leben in sich zusammenfällt wie ein von Kinderhand gebautes Kartenhaus. Denn schlussendlich bleibt nichts anderes übrig als man selbst.

Veröffentlicht auf dem Boylevard.

Mittwoch, 22. September 2010

... Cyprus. Ein Staat – zwei Teile.

Wenn man die Touristenmeile im Süden der zypriotischen Hauptstadt Nicosia, „Ledra Street“ genannt, entlanggeht, kann man nicht nur bei McDonalds essen und sich bei Starbucks einen Kaffee genehmigen; man kann auch gleich in ein anderes Land reisen.

Die Ledra Street endet abrupt an einer Mauer, die Häuser sind leer und dem Verfall preisgegeben. Ein kurzer Übergang, einige Fotos von griechisch-zypriotischen Soldaten, ein Schild, das fast schon stolz die „letzte geteilte Hauptstadt Europas“ in Englisch, Französisch und Deutsch ankündigt: So sieht es aus, wenn man die Green Line in den türkisch-zypriotischen Norden überschreiten will. Viele Touristen tun das, zeigen ihren Pass einem türkischen Zyprioten, füllen ein kleines Formular aus, erhalten ihr Visa und tuscheln dabei relativ amüsiert. Die türkisch-zypriotischen Grenzbeamten blicken krampfhaft an jedem vorbei und wirken frustriert, denn eigentlich ist heute ein türkischer Feiertag: Ramazan Bayramı, das "Fest des Fastenbrechens", und sie müssen arbeiten – wie so viele türkisch Zyprioten, die im Süden Arbeit gefunden haben.

„Drüben“ im Norden allerdings merkt man, dass ein Feiertag begangen wird: Nur die Geschäfte auf der Hauptstraße sind geöffnet, vereinzelte Kioske. Wenn man ein paar Mal von der Haupttouristen-Route abbiegt, gibt es weder Hotels noch Bankautomaten, kaum Restaurants oder Geschäfte. Alles wirkt verlassen, ein bisschen wie eine in der Sonne flimmernde Geisterstadt – geschlossene Türen und Fenster, mit Schlössern verriegelte Tore, kaputte Scheiben, eingetretene Türen, bröckelnde Fassaden. Und auf einer Seite der stetig weiterlaufende Stacheldraht mit den Sandsäcken auf der grauen Mauer.

Seit 36 Jahren ist Zypern nun geteilt, nachdem türkische Streitkräfte den Norden der Insel besetzten. Sie beriefen sich auf ihre Rolle als Garantiemacht für die Minderheit der türkischen Zyprioten, weil ein Putschversuch von Offizieren der Militärjunta in Griechenland und der Zypriotischen Nationalgarde die Angliederung Zyperns an Griechenland anstrebten. 1983 erfolgte die Proklamation der Türkischen Republik Nordzypern, die bis heute nur von der Türkei anerkannt wird. Seit 2004 ist ganz Zypern Mitglied der Europäischen Union, in der Realität ist aber faktisch nur der südliche Teil Bestandteil der EU.

Trotz der Teilung der Insel sind die türkischen Zyprioten nun aber wieder in der Minderheit. Nach 1974 wurden zahllose Festlandtürken im Norden Zyperns angesiedelt, konkrete Zahlen werden bis heute unter Verschluss gehalten. Man spricht aber von fast 779.000 Einwohnern im Süden, der Norden zählt nach Regierungsangaben fast 89.000 „legitime“ Einwohner. Insgesamt sollen im Norden aber bis zu 265.000 Menschen wohnen – also mehr Türken als türkische Zyprioten.

Die Türken werden auf Zypern – sowohl im Süden, als auch im Norden – als Invasoren gesehen. Die griechischen Zyprioten verteufeln sie, weil sie die Schuld an der Teilung ihrer Insel tragen; die türkischen Zyprioten leiden darunter, nur von der Türkei als Staat anerkannt zu werden, was dazu führt, dass ihre Wirtschaft unter dieser Last zusammenbricht – der einzige Handelspartner ist die Türkei, der die Ressourcen des Nordens der ehemaligen britischen Kronkolonie aussaugt. Einzig und allein die Erlaubnis zum Glücksspiel bringt dem zypriotischen Norden Geld ein; dies ist auch der häufigste Grund für griechische Zyprioten, in den Norden zu reisen. Der andere Grund, die Green Line vom Süden in den Norden zu übertreten ist jener, dass einige griechische Zyprioten ihre alten Dörfer und ihre zwangsenteigneten Häuser besuchen.

Viele Tränen seien schon geflossen, erzählt der 46-jährige Panos, als er den Ort, an dem er zehn Jahre seiner Kindheit verbracht hat, aufgesucht hatte. Dreimal war er nun dort, würde aber nicht mehr hinfahren. Es sei zu schmerzhaft zu sehen, dass völlig fremde türkische Zyprioten darin leben, als sei es immer schon ihr Besitz gewesen. Die Familie sei zwar freundlich und habe ihm auch Kaffee und ein Gespräch angeboten, aber trotzdem habe er Bilder von sich und seiner Familie vor Augen, wenn er einen Blick auf das Haus wirft. Kein Geld der Welt könnte dieses Haus ersetzen. Wenn sich bei den Friedensgesprächen ergebe, dass den Zwangsenteigneten eine bestimmte Abfindung zustünde, würde er das Geld nicht nehmen.

Panos‘ Kusine Liana hat als einzige ihrer Familie noch keinen Fuß in den türkisch besetzten Teil Zyperns gesetzt und wird dies auch nicht tun, solange sie ihren Pass benötigt um eine Grenze zu überqueren, die sie nicht akzeptiert. Auch würde sie nicht akzeptieren, wenn eines ihrer zwei Kinder mit einem türkischen Zyprioten oder gar einem Türken zusammen wäre. Das würde sie fast als Verrat ansehen. Viele griechischen Zyprioten denken wie Liana – auf Fremde wirkt dies stur und emotional.

Deniz, eine junge, sehr engagierte türkische Zypriotin, kennt Zypern gar nicht anders als geteilt. Sie verstehe aber nicht, wie es so weit kommen konnte und warum das Problem immer noch besteht. Zwar weiß sie, dass in beiden Teilen die Kinder eine eigene Geschichte ihrer Insel lernen und „Gehirnwäsche“ oben auf der Lehrliste steht. „Man glaubt gar nicht, wieviele Adjektive von den Lehrern benutzt werden – Worte wie böse oder gemein sind alltäglich im Zusammenhang mit ‚den anderen.‘“ Sie könne die Sturheit vieler nachvollziehen, wisse aber, dass durch Sturheit und persönliche Betroffenheit ein solches Problem nicht gelöst werden kann. Auch sie und ihre Familie habe viel mitgemacht, musste von den Süden in den Norden ziehen und empfindet die türkischen Soldaten als Belastung. „Es ist ohnehin nicht leicht, sich integrieren zu müssen im eigenen Staat, der dann plötzlich nur noch einer Seite gehört. Und dann sind da die Türken, die es irgendwie noch schwerer machen.“ Sie würde sich gerne mit dem Süden solidarisieren und sie weiß, so wie ihr geht es vielen. „Doch was können wir tun außer bikommunale Events zu machen oder zu demonstrieren? Außerdem müssen die griechischen Zyprioten auch anerkennen, dass sie gegenüber uns viele Fehler gemacht haben.“

Dieses Poster, bei dem die Waffe eines türkischen Soldaten mit einer Gitarre ausgetauscht wurde, war die Einladung für ein bikommunales Event

Wenn man die Geschichten hört, die auf persönlichen, sehr emotionalen Erfahrungen und Erlebnissen beruhen, kann man erahnen, wieso der Zypern-Konflikt im Alltag der Menschen so hartnäckig anhält. Vereinfacht gesagt: Die Zeitrechnung der griechischen Zyprioten beginnt im Jahr 1974 mit der Invasion der Türken, die den griechischen Zyprioten die Hälfte ihrer Insel weggenommen haben. Auf der anderen Seite waren die türkischen Zyprioten seit jeher in der Minderheit, hatten vor 1974 mit vielen Repressionen zu kämpfen und wurden vielfach unterdrückt, zuletzt, als Zypern den Anschluss an Griechenland provozieren wollte. Bevor allerdings Zypern überhaupt unabhängig wurde, kämpften griechische und türkische Zyprioten Seite an Seite gegen die britische Besatzung und für die Unabhängigkeit.

BEST PRACTICE AUF MIKRO-EBENE

Auch in der Gegenwart kämpfen türkische und griechische Zyprioten Seite an Seite: Als Pärchen. Auch wenn dies nicht oft vorkommt: Der türkische Zypriote Murat und die griechische Zypriotin Gina heirateten im letzten Jahr. Ihre Mission ist es, „die ethnische Feindschaft durch das Zusammenbringen von Rivalen zu brechen. Unser größter Erfolg sind wir selbst, wir haben geheiratet. Mischehen sind extrem rar auf Zypern, aber wir hoffen, dass wir bald die Norm sind.“

Nach der Öffnung der Grenzen hat Murat Gina im Süden kennen und lieben gelernt. Beide haben schnell das gemeinsame Interesse erkannt: Barrieren zu durchbrechen. Gina ist involviert in die NGO „Hands across the divide“, die erste bikommunale Initiative, Murat leitet die „New Cyprus Party“, eine kleine linksgerichtete Partei, die die Annäherung beider Seiten propagiert. Ihre Familien haben sie zuerst nichts gesagt; als aber das Geheimnis ausgesprochen war, wurden Zweifel laut. „Beide Elternpaare wollten sich nicht treffen und auch den Mensch, mit dem ihr Kind zusammen ist, nicht kennenlernen, weil es, glaube ich, leichter war, das Stereotyp zu behalten“, erklärt Gina. „Irgendwann sind wir dort angelangt, dass einfach ein Mann und eine Frau zusammen sind“, erklärt Murat erleichtert. Abseits der Eltern gab es aber auch massive Schwierigkeiten und persönliche Übergriffe. „Sind uns die Männer ausgegangen?“ hat Gina des Öfteren gehört – auch wenn das noch das harmloseste war. „Ich kannte zwei andere gemischte Beziehungen, sie sind aber unter familiärem Druck auseinandergegangen. Ich glaube aber, dass das sehr bald alltäglich wird. Als 2003 einige Checkpoints geöffnet wurden haben die griechischen Zyprioten mit dem Finger auf türkische Zyprioten gezeigt, die in Supermärkten im Süden eingekauft haben. Und auch das ist jetzt normal“, so Gina.

BEST PRACTICE AUF MAKRO-EBENE

Normal ist auch das Zusammenleben von türkischen und griechischen Zyprioten – allerdings nur in einem Dorf auf ganz Zypern. Pyla, ein kleines Dorf östlich von Larnaka, ist ein strategisch wichtiger Punkt inmitten der Pufferzone zwischen Nord und Süd. Hier leben beide Nationalitäten nebeneinander – nicht zusammen, aber als Nachbarn Seite an Seite. Als 1974 rund 200 000 Griechen ihre Heimatdörfer im Norden verlassen mussten und 45 000 Türken vom Süden in den Norden getrieben wurden, waren die rund 300 türkischstämmigen Einwohner Pylas einfach in ihrem Heimatdorf geblieben, das sie Pile nennen. Sie kommen mit den etwa tausend griechischen Dorfbewohnern aus, haben eine eigene Schule, einen eigenen Interessenvertreter in der Verwaltung und können ihre eigene Moschee besuchen. Zwei Muktars – einer verantwortlich für die griechischen, einer für die türkischen Zyprioten – werden von den Communities gewählt und kommen zusammen, wenn es Allfälliges zu klären gibt.

Ein UNO-Posten, verwaltet und bewacht derzeit von sechs slowakischen Blauhelmen, befindet sich über einem ehemaligem Café, ganz in der Nähe eines Pubs, das sich „Happy Nest Pub“ nennt und sowohl türkische als auch griechische Zyprioten als Gäste begrüßt. Auch wenn die Stimmung sehr friedlich ist und sowohl die UN-Soldaten als auch ein australischer Polizist versichern, dass es hier kaum bis gar keine Probleme mit Kriminalität gebe und sie deshalb auch unbewaffnet sind – der Chef des erwähnten Pubs beispielsweise weigert sich, aus einer Tasse zu trinken, die mit einem türkischen Emblem verziert ist, erzählt eine Kellnerin leise lächelnd. Auch wenn der Schmerz über die geteilte Insel auch nur mit kleinen Gesten omnipräsent ist: Pyla scheint das Vorzeigeprojekt Zyperns zu sein, ohne dass dies der Rest Zyperns bemerken würde.

Griechische Tavernen und Türkische Cafes reihen sich am Hauptplatz nebeneinander. Flaggen sind nirgends zu sehen; sie sind nur an religiösen Feiertagen oder an Schulen erlaubt. Überhaupt ist hier jeder darauf bedacht, dass Gleichheit herrscht: Beispielsweise sind die sechs slowakischen UN-Soldaten, die jeweils sechs Monate im Dorf stationiert sind dazu angehalten, viel mit den Bewohnern zu reden. Wenn sie das aber beispielsweise in einer griechischen Taverne machen, müssen sie am selben Tag noch ein türkisches Café besuchen. Hier wird Gleichheit wirklich gelebt! Es gibt auch keinerlei Kriminalität in Pyla, erzählt der australische Police-Officer. Und es sei einzigartig in der Welt, dass Muslime und Christen hier Tür an Tür in so einem kleinen Dorf wohnen. Vor allem seien die Leute hier nicht nachtragend, keiner gibt dem anderen die Schuld am Konflikt. Zwar haben auch diese Menschen auf beiden Seiten Angehörige und Freunde verloren; doch wissen sie, dass nicht die Menschen in diesem Dorf die Schuld tragen.

Überhaupt stellen sich beide Seiten immer öfter die Frage, warum man nicht friedlich – beispielsweise in einer Föderation – zusammenleben könne. Diese Frage stellte sich allerdings erst nach der Öffnung der Grenzen, als beide Nationalitäten langsam wieder zusammengeführt wurden. Dies scheint die gefragteste und realistischste Lösung für den Zypern-Konflikt zu sein, die Friedensgespräche allerdings dauern an, die Eigentumsproblematik ist noch lange nicht gelöst. „Man bräuchte Zypern nur mit einem riesigen Kran neben Neuseeland heben, dann wäre das Problem in Null komma Nichts gelöst.“ Auch dies ist die Meinung vieler: Politische Interessen außerhalb Zyperns hemmen den Fortschritt.



Samstag, 11. September 2010

... Cyprus: Walking-by-Impressions

An meinem letzten Tag heute bin ich noch einmal durch die Altstadt von Nicosia spaziert und habe auch noch einmal die Green Line passiert. Ich habe vieles gesehen, dass mir bisher noch nicht aufgefallen ist - es gibt einfach so viel zu sehen, so viele kleine Nuancen, die einem beim ersten oder zweiten Mal einfach nicht ins Auge springen. Außerdem habe ich kurz mit einigen Passanten gesprochen und mir jeweils angehört, wie sie sich an diese Gegend erinnern.

Direkt an der UN-Bufferzone, nicht weit von der Touristen-Einkaufsstraße Ledra Street und dem bekanntesten Übergang zum Nordteil, sieht man größtenteils Ruinen. Nebenbei natürlich immer die Schilder "UN-Zone", "Fotografieren verboten", etc. Es wirkt extrem verwahrlost (zwei Seitenstraßen der Touristenzone entfernt!), Fenster sind eingeschlagen, Mauern verwittert, überall liegt Sperrmüll - hier wohnen kaum Menschen. Jene, die dort wohnen, sind Migranten; eine griechisch-Zypriotin habe ich auch aufgestöbert, indem ich einfach in ein ruinenartiges Haus gegangen bin und im ersten Stock angeklopft habe, weil ich draussen Wäsche hängen gesehen habe. Bei der Erklärung, warum sie hier wohnt, blickt sie traurig aus dem Fenster - direkt auf Stacheldraht, zerstörten Häusern und das UN-Schild. Unter ihr hatte ein griechischer Zypriot einmal einen Metallwarenladen, hier sind ständig Menschen ein und aus gegangen. Jetzt ist er leer, bis auf das letzte ausgeräumt, nur noch Bierflaschen erinnern daran, dass jemals Menschen hier waren. Sie blieb als einzige hier, weil sie immer noch hofft, irgendwann einen anderen Blick aus dem Fenster genießen zu können - wie früher.


Der Blick aus dem Fenster

Man kann sich, wenn man durch die Straßen geht, wirklich nur schwer vorstellen, dass hier einmal alles vor Lebenslust gestrotzt hat, dass hier Menschen gewohnt haben, Feste gefeiert wurden und alles voller Leben war. Auf meinem weiteren Weg sehe ich Wohnungen, die von der UN übernommen wurden - neben jeder Wohnung steht UN und eine Zahl mit weißer Farbe auf eine braune Wand gemalt. Die Fenster und Türen sind heraus gerissen, hier hat lange keiner mehr gewohnt. Darunter sammelt sich Sperrholz in der Sackgasse - alte Schreibtische, Reifen, Mistkübel, Stühle, Nachttischlampen und Reste aus Wohnungen, die sicherlich viel erzählen könnten. Gleich daneben, in einer Garage, steht ein geputzer, glänzender Porsche. Kurioser könnte das Bild gar nicht sein. Leider habe ich beides nicht auf meine kleine Digicam gebracht, hier dafür ein anderer, selbsterklärender Eindruck der Stadt.


...

Merklich ist auch der Geruch in den Straßen - ein süsslicher, sehr angenehmer Geruch, der in der Luft hängt. Überall, in jeder Taverne, jedem Pub, jedem Café sitzen Menschen jeden Alters, die zufrieden an ihrer Shisha nuckeln. Im Vorbeigehen höre ich des Öfteren "cyprus ... problem ... the greek and the turkish ...."; die meisten Touristen (es müssen Touristen sein nehme ich an, sonst würde ich ihre Sprache nicht verstehen) unterhalten sich offenbar über das Thema, das mir seit Dienstag Abend offensichtlich vorkommt: Das Zypern-Problem.
Zurück im Hotel, beim Auschecken, spreche ich noch kurz mit einem sehr alten Rezeptionisten. Als er mich fragt, was mein Business ist, erzähle ich ihm kurz warum ich hier bin. Sein kurzer Kommentar dazu: "Wenn man Zypern mit einem Kran versetzen würde - neben Neuseeland beispielsweise - wäre das Problem schneller gelöst als man glauben könnte."

Jetzt geht es wieder ab nach Wien, wo ich mit sovielen Menschen wie möglich über meine Eindrücke sprechen werde, damit ich das Wichtigste filtern kann. Gern fliege ich aber nicht - ich hab mich so an die Wärme gewöhnt, an den Anblick von solchen Dingen aber nicht.